Universalgesetze 3: Gelassenheit und Allmacht – Es gibt keinen Grund, nicht alles zu wissen

Eingriffe hinterlassen keine Spuren. – Digitale Medien haben ein ambivalentes Verhältnis zu Sicherheit, Wiederholung und Reparaturen: Einerseits wird oft alles getrackt, versioniert und gespeichert, andererseits gibt es (fast) immer die Möglichkeit, Schritte rückgängig zu machen, von vorne anzufangen, anders zu machen – als sei nichts gewesen.
Das ist ein technisches Phänomen (eine digitale Kopie unterscheidet sich nicht vom digitalen Original), eines von Netzwerken und Wissen (die nächste Informationsquelle ist nicht weit – man muss sie nur anzuzapfen wissen) und ein organisatorisches, oder eines unseres Selbstverständnisses: Verstehen wir es als unsere Verantwortung, Dinge (Prozesse, Geschäfte, Teams) zum Laufen zu bringen, oder sagen wir: „Das funktioniert nicht.“
Als drittes Universalgesetz für Onlinemedien formuliert heisst das: Es gibt keinen Grund, nicht alles zu wissen.

Ein einfaches, aber ergiebiges Forschungsfeld zum Thema ist Contentbearbeitung. Die einen kommen nicht zum gewünschten Ergebnis und stellen fest „Das geht nicht.“ Andere setzen sich mit Quellen, Zielsetzungen, Nebeneffekten und anderen Einflüssen auseinander: Wo kann mit Copy&Paste gearbeitet werden, welche Einflüsse übertragen sich aus den Quelldateien, wo und wie können diese bearbeitet werden? – Quelle und Ziel sind digitale Systeme mit vielen Eingriffsmöglichkeiten, keine unantastbaren Blöcke, die nicht gesteuert werden können. Die Beobachtung von Usern vor Formatierungs- und Kompatibilitätsproblemen ist nicht nur soziologisch unterhaltsam (es sei denn, man muss sich um deren Support kümmern), sondern liefert – kann ich mir zumindest vorstellen – auch Indizien für das geistige Selbstverständnis und die Vernetzung von Bewusstsein und Umwelt. Bin ich der aktive Part in dieser Konstellation, oder eine von mehreren zu durchlaufenden Stationen in einem Prozess, ohne weitere Entscheidungsmöglichkeit? Finde ich eine Lösung? Oder sehe ich das Problem?

Digitales Online-Wissen steht uns zur Verfügung wie unser eigenes. Der Unterschied: Wir wissen nicht, was wir wissen könnten. Das ist gegenüber der Erinnerung ein Nachteil, der allerdings dadurch aufgehoben wird, dass unsere digitale Umwelt viel schwerer vergisst als wir. Die Konsequenz dieses Wissensüberschusses ist Ansichtssache: Es ist eine zusätzliche Belastung, mit all diesen Ressourcen umgehen zu müssen. Genauso ist es aber auch ein Schritt in die Richtung zu kostenlos für jedermann verfügbaren Superkräften: Digital gesehen sind wir allwissend, allmächtig und allgegenwärtig.
Letztlich hängt es von unserem Selbstbild und dessen Verankerung in der Umwelt ab.
Die Allmacht ist Auslegungssache:

  • Wir sind allmächtig, weil wir jederzeit auf alles zugreifen können, alles in Erfahrung bringen können, Wissen nur einen Klick entfernt ist.
  • Wir sind ohnmächtig, weil wir die Flut an Informationen und Wissen mit unserem begrenzten Auffassungsvermögen gar nicht bearbeiten können.
  • Wir arbeiten an unserer eigenen Ohnmacht, indem wir mehr und mehr Wissen, Daten, Zusammenhänge und letztlich auch künstliche Intelligenzen schaffen, die uns in absehbarer Zeit überlegen sein werden.
  • Oder ganz anders betrachtet: Das ist alles irrelevant, weil Wissen allein keinen Unterschied macht. Es braucht auch die Macht, Wissen ein- und Massnahmen umsetzen zu können.
  • Und schliesslich: Welchen Wert hat schon offen brachliegendes Wissen? Und welchen Wert hat dagegen wissenschaftlich und kulturell wertloses Wissen, wie das um die richtige Preislage in Bieterverfahren, oder um die richtigen Kontakte, wie es so gern von Lobbyisten gegen Millionen weitergegeben wird?

Sind wir Teil dieser digitalen Umwelt, ist das Teil unseres Geistes? Ungefähr in diese Richtung gehen die Vertreter der Extended Mind Philosophie.
Oder benimmt sich umgekehrt die digitale Welt, als bestünde sie aus selbständigen Gehirnen, die uns nur gelegentlich zu willen sind?
Sitzen wir an den Schalthebeln oder werden wir gesteuert? – Diese Perspektive kann ständig kippen; unabhängig von der aktuellen Position können wir aber, behaupte ich, davon ausgehen, dass Verbindungen und Einflüsse stark sind. Information ist zugänglich, Menschen sind zugänglich, Wissen ist zugänglich. Das ist eine neutrale Feststellung und nicht wertend zu verstehen: Wir müssen immer noch etwas tun, um diese Zugänglichkeit zu nutzen. Und genauso wie anderes für uns zugänglich ist, sind wir anderen/anderem ausgesetzt: Wir stehen immer auf der Bühne, manchmal in einem inszenierten Drama, manchmal in einer ungefilterten Realityshow. Und auf der Bühne handelt immer irgendjemand.

Was heisst das für den praktischen Umgang mit Onlinemedien: Sie sind immer da, sie bieten viele Möglichkeiten, sie schaffen Lücken (durch digitalen Analphabetismus) und sie verbinden (durch Kommunikationsmöglichkeiten) – und damit verändern sie, was von Menschen in Hinblick auf Lernen und Wissen erwartet werden kann. Die Grenze zu dem, was man nicht wissen kann, rutscht immer weiter weg. Alltagswissen ist vielfach dokumentiert, Fachwissen ist vielleicht durch Paywalls eingeschränkt, aber da. Und manchmal findet man auch Wissen nicht im Netz – aber Anknüpfungspunkte und Ansprechpartner.
Es wird noch immer den Punkt geben, an dem „ich weiss das nicht“ das letzte mögliche Wort ist. Der Weg von dort weg ist aber ein anderer: Rätselraten, Umfragen im Bekanntenkreis, Kramen im Gedächtnis sind manchmal unterhaltsame, aber wenig effiziente Methoden der Wissenserweiterung; Onlinerecherchen (die durchaus auch oft den erweiterten Bekanntenkreis einbeziehen) sind in der Regel ein schnellerer und effizienterer Weg. Und damit gibt es keinen Grund mehr, nicht alles zu wissen. – Natürlich um den Preis, alles auch genauso schnell wieder zu vergessen. Und nicht zu wissen, was das Wissen bedeutet…

Ist das Freiheit? Bedeutet das Verantwortung? Solche wertenden Kategorien setzen voraus, dass wir uns einig wären, dass wir alles wissen sollten, dass großes Wissen positiv ist. Zu wenig Wissen ist schlecht. – Darauf basieren die meisten Bildungssysteme, deren Prüfungen großteils leicht mit einem Smartphone in der Hand ohne weiteren Aufwand (und ohne Wissen) bewältigt werden können.
Solche Regeln (dieses Wissen gut, kein/anderes Wissen schlecht) sind vor allem dazu geeignet, Angst zu erzeugen. Wo es Regeln gibt, kann es Fehler geben; anderswo kann man auch lernen. Kein Grund, nicht alles zu wissen, kann so gesehen auch eine Verpflichtung, Aufforderung, oder gar Regel bedeuten (Du sollst alles wissen), oder es kann Potentiale, Möglichkeiten und Chancen bedeuten (Du kannst alles wissen).
Wir kommen wieder zum Ausgangspunkt zurück: Sehen wir uns in der aktiven Position? Oder sind wir von Regeln und vorgegebenen Abläufen dominiert und kontrolliert; können wir einfach nur sagen: „Das funktioniert nicht“? – Und heisst „Das funktioniert nicht“ dann: „Ich funktioniere nicht“ oder „Dieser Teil von mir funktioniert nicht?“ Oder heisst es. „Etwas (dieses System, der Hersteller dieses Systems, die Lizenzen,…) verweigert mir etwas“?
Je mehr Möglichkeiten wir haben, desto deutlicher wird auch die Anforderung, diese zu nutzen.
Wir schaffen zweifellos unsere Welten, nur deren Relevanz ist fraglich. Ebenso wie deren Reichweite. Erinnern wir uns an das erste Universalgesetz, das uns immer an einen Zweck bindet und zugleich den Zweck auch als Hürde deutlich macht, ohne die alles so einfach wäre. Und das zweite Universalgesetz macht Begrenztheit als Bedingung des Funktionierens oder des Erfolgs deutlich: Kommunikativer, dialogorientierter Sinn entsteht dort, wo alles zugleich geboten werden kann.
Das jetzt beschriebene dritte Prinzip hat das Potential, auch alles in Frage zu stellen. Haben wir gegen die eingeschränkte Zweckgebundenheit doch die Möglichkeit, alles offen vor uns zu sehen? – So wie das Allmachts-Gedankenexperiment bedrohende Einschränkung und befreiendes Beflügeln zugleich sein kann, sind auch der Zweck und die Hohlkugel nicht zwangsläufig minderwertige Derivate einer ganzen, vollständigen, richtigen Realität. Es ist unsere Sache, wie hoch wir unseren Zweck ansetzen, wie weit wir die Kugel ausdehnen. Der Lerneffekt ist also einmal mehr: Es liegt an uns. Und es sagt etwas über uns, wie wir mit Freiraum umgehen, wo wir Möglichkeiten sehen, und wo Verpflichtungen.
Das haben wir halt nun mal von der ganzen, Dialog-, Partizipations-, Prosumer-, Kontext- und Feedback-Sache.

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