Kurt Kuch im Interview: „Warum ist es dir nicht einfach wurscht?“

Kurt Kuch im Interview: „Warum ist es dir nicht einfach wurscht?“

Kurt Kuch, stellvertretender Chefredakteur von „News“, Chefreporter und Ressortleiter der Innenpolitik spricht im Interview mit indiekator.com über ein Leben als Aufdecker zwischen politischem Druck, Medienberatern, gezielten Fehlinformationen, seinen Spass am Spürsinn, die Nostalgie burgenländischer Discos und die Angst des Enthüllungsjournalisten vor dem Leger.

 


indiekator.com: Du bist seit 16 Jahren Journalist, seit Oktober Chefreporter und stellvertretender Chefredakteur bei News und aktuell der Aufdecker der Nation. – Warum ist Dir nicht einfach wurscht, was ein Grasser, Gorbach, Hochegger, Mödlhammer, und wie sie heissen, machen?

Kurt Kuch: Ich habe einfach noch immer einen Heidenspass an meiner Arbeit. Es macht mir Freude, den Dingen nachzuspüren – und es melden sich ja immer wieder Freiwillige, die wie von selbst aufzeigen und die besten Geschichten liefern. Manche betteln direkt darum, all ihre Fehler und fragwürdigen Handlungen im Magazin zu lesen – vor allem wenn sie versuchen, eine Ebene höher zu intervenieren, oder wenn sie versuchen, unterzutauchen und nicht zurückrufen. Mir fällt da eine Geschichte aus dem Hochegger-Zusammenhang ein: Ich habe in den Akten entdeckt, dass ein ehemaliger Telekom-Manager insgesamt 500.000 € für Diverses an Hochegger gezahlt hat, während umgekehrt ausgerechnet die Frau dieses Managers mit 21.000 € auf der Liste der von Hochegger bezahlten Leute stand. Ich wollte eigentlich nur wissen, was die Leistung der Dame war. Der Betroffene hat genau den Fehler gemacht, in der Chefredaktion anzurufen – und dann gibt’s natürlich Kleinholz, obwohl er dort eh auf Granit gebissen hat. Er hat mich nicht zurückgerufen – daraufhin habe ich alle Mitarbeiter der Pressestelle seines aktuellen Arbeitnehmers angerufen, jedem, der gefragt hat, worum es denn geht, bereitwillig erklärt, dass ich etwas über ihn im Strafakt der Telekom-Affäre gelesen habe und auch seine Assistentin ausführlich informiert. Wenn jemand ein so schlechtes Gewissen hat, dass er selbst in solchen Situationen noch untertauchen will, dann macht es mir schon richtig Freude, alles ans Licht zu bringen.

„Wenn jemand eine Etage höher zu intervenieren versucht- dann gibt’s natürlich so richtig Kleinholz.“

 

Noch schöner ist es natürlich, wenn Geschichten im großen Stil aufgehen. Gestern zum Beispiel (18.1., Anm.) war ich schon um 6 Uhr auf und um 8 im Büro, weil ich es nicht mehr erwarten habe können, die Vorab-Aussendungen zu Telekom und Co zu machen.
Ich habe auf Facebook schon mal vorangekündigt, dass etwas passieren wird, ein bisschen getwittert – und dann wars endlich so weit. Um 11.30 waren die Aussendungen draussen („Telekom sponserte Grassers Roadshow“, „Rote und schwarze Politiker auf Hochegger-Payroll“, „960.000 Telekom Euro für BZÖ-Wahlkampf 2006“) – und es ist wirklich gleich rundgegangen. Dinge anzuzünden, und mich dann mal für eine Stunde zurückzulehnen und zuzusehen, wie alles explodiert, wie Anwälte, Fernsehstationen und andere Medien anrufen, das genieße ich schon sehr.
Dazu kommt noch, dass wir ja in Österreich bei Enthüllungen an akuter Themenverfehlung leiden: Der Großteil der Diskussion dreht sich nie um die Frage „Was ist genau passiert und welche Konsequenzen muss es jetzt geben?“, sondern vor allem um die Frage „Wie konnte das bloß an die Öffentlichkeit kommen?“ – Allein deshalb werde ich sicher nicht müde.

indiekator.com: Spaß ist ein Argument. Aber der Großteil der handelnden Personen sind noch da, Konsequenzen sind rar. Hast du das Gefühl, dass deine Arbeit etwas bringt?

Kurt Kuch: Auf jeden Fall. Ich richte mich ja nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen Probleme in unseren politischen und sozialen Systemen.
Da gibt es durchaus Erfolgsstories. Ich bin ja auch innerhalb der Redaktion praktisch ausgelacht worden, weil ich mich so lange für die erweiterten Prüfkompetenzen des Rechnungshofs bei Gemeinden eingesetzt habe. Das klingt uncool, ist aber neben dem Bankgeheimnis und den EU-Direktförderungen für Bauern eines der größten Mysterien der Gegenwart. Früher durfte der Rechnungshof nur Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern prüfen – der überwiegende Teil der österreichischen Gemeinden liegt aber unter dieser Grenze.

„Jeden Mittwoch ein paar Dinge anzünden und mich dann zurücklehnen und den Explosionen rundherum zusehen – das macht mir schon Freude… „

 

Und allein an der Heftigkeit der Reaktionen war leicht zu erkennen, dass das ein großes Thema ist: Der Präsident des Gemeindeverbands hat persönliche Briefe an alle Betroffenen Bürgermeister geschrieben und sie aufgefordert, jede Form der Zusammenarbeit mit unserem Verlag einzustellen. – Das war natürlich wieder eine freiwillige Meldung, die mich erst richtig munter macht.
Fazit: Die Änderung ist gekommen, jetzt kann weit mehr geprüft werden. Ich denke schon, dass es sich auszahlt, hartnäckig bei der Sache zu bleiben.

indiekator.com: Gibt es etwas, das dich davon abhalten kann, eine Geschichte zu bringen?

Kurt Kuch: Ich sag immer: Natürlich bin ich korrumpierbar – mit einer besseren Geschichte. Wobei ich auch dabei heute sehr vorsichtig sein muss. Jeder Promi, der in Schwierigkeiten gerät, leistet sich einen Medienberater. Und dessen Job ist es, bessere Geschichten zu bringen, damit wir von seinem Klienten abgelenkt werden. Das muss dann umso genauer geprüft werden.
Manche versuchen natürlich auch, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und erzählen mir etwa, dass ihre Kinder jetzt in der Schule auf Grund meiner Geschichten Schwierigkeiten haben. Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass ich mit „News“ eine große Bühne habe und dementsprechend verantwortungsvoll sein muss, aber letztlich denke ich mir dann immer: Wir sind alle erwachsen. Und wer jetzt nicht möchte, dass etwas an die Öffentlichkeit kommt, hätte es lieber gar nicht tun sollen.

indiekator.com: Du hast Medienberater angesprochen. Wie sieht es aktuell mit politischer Einflussnahme und politischem Druck auf dich aus?

Kurt Kuch: Medienberater sind die neuen Lobbyisten. Oft sind das ja auch die gleichen Leute, die unter einem anderen Titel jetzt praktisch den gleichen Job machen. Die können keinen Druck auf mich ausüben, aber sie machen mir natürlich das Leben schwer, indem sie gezielt gefärbte Information streuen. Ich habe dann umso mehr Arbeit, um wieder nach möglichst objektivierbarer Information zu suchen
Das bringt dann wieder Akten in den Vordergrund. Mein Büro sieht aus wie ein gesprengter Altpapiercontainer; ich versuche, jede Geschichte möglichst gut mit behördlichen Ermittlungsakten zu unterlegen. Wobei ich da eher steinzeitlich arbeite: Ich scanne die Akten als durchsuchbare PDF-Dateien und recherchiere dann über die Volltextsuche. Die Kollegen vom „Stern“ haben mir einmal ihre digitalen Recherche- und Dokumentationsarchive präsentiert – da frisst Dich der Neid, aber das ist für uns in Österreich unleistbar.

„Ich habe mit „News“ eine große Bühne, aber ich weiss, dass ich auch nur Mittel zum Zweck bin. Das kann jederzeit vorbei sein.“

 

Direkten Druck spüre ich jedenfalls nicht, und ich habe auch nicht das Gefühl, Feinde zu haben. Der einzige, der mich einmal direkt und unter der Gürtellinie in den Foren von ORF und derstandard.at attackiert hat, war dann ausgerechnet einer der Bürgermeister aus einem Nachbarort in meiner Heimat…

indiekator.com: Und wie siehts mit Einfluss durch Werbung aus und was hältst du von der Affäre um politische Inserate?

Kurt Kuch: Ich kann dir ganz ehrlich sagen: Ich kenne unsere Anzeigenverkäufer nichteinmal. Ich sehe die einmal im Jahr bei der Weihnachtsfeier, und da reden wir sicher nicht über Inserate, und sonst habe ich keine Ahnung, was da läuft. Es ist auch nie irgendwer an mich herangetreten, und nachdem ich gar nicht weiss, wer was wo inseriert, kann ich darauf auch überhaupt nicht reagieren.
Wenn du politisch motivierte Inseratenvergabe durch staatsnahe Betriebe ansprichst: Davon bekomme ich genauso wenig mit. Viel spannender finde ich in dem Zusammenhang von Politik- und Parteienwerbung die Frage: Wer zahlt das eigentlich? Wenn Politiker Unternehmen in ihrem Einflussbereich beauftragen, ist das ja geradezu transparent, verglichen mit Kosten in Millionenhöhe für Präsidentschaftswahlkämpfe, bei denen niemand weiss, wo das Geld eigentlich herkommt.

indiekator.com: Also würdest du sagen, dass du frei und ohne jeden Druck arbeiten kannst?

Kurt Kuch: Es sind sicher nicht die offensichtlichen Machtverhältnisse, die mir Probleme machen. Meine große Angst bei jeder neuen Geschichte ist aber, reingelegt zu werden. Ich habe das schon einmal erlebt, und das hat mich fast den Job gekostet. Das war die Geschichte mit der angeblichen illegalen Pflegerin von Wolfgang Schüssel. – Ein gezielter Leger von einem Autor und Journalisten. Der hat mich angerufen und die Geschichte vorgeschlagen, alles hat sehr gut geklungen. Nur hat er dann beim Termin gleich einen Vertrag aus der Tasche gezogen, in dem eine Reihe von Absurditäten festgehalten war. Gleich der erste Punkt war eine Honorarzahlung von 2000 € für die falsche Pflegerin. Das habe ich sofort gestrichen. Er hat uns die Geschichte dann doch gegeben, blöderweise haben wir sie veröffentlicht – und es war für beide Seiten ein Fiasko. Ich bin mit der falschen Gesichte dagestanden, er hätte beweisen wollen, dass wir bei „News“ unrecherchierten Scheckbuchjournalismus machen. Diese Tage waren echt die Hölle. Er ist dann noch dazu unauffindbar und ich habe ihn tagelang gesucht – da war ich echt knapp davor, alles hinzuschmeissen.
Das einzig Positive war dann noch, dass wenigstens klar rausgekommen ist, dass wir nicht bezahlt haben und auch nie für Geschichten bezahlen. Das ist – für alle, die noch immer Zweifel haben – nicht nur eine ethische Frage, sondern auch ganz schlicht eine wirtschaftliche: Ein verkauftes Heft hat einen Deckungsbeitrag von ein paar Cent. Wenn wir für eine einzelne Geschichte ein paar tausend Euro ausgeben müssten – das kriegen wir nie wieder rein…

indiekator.com: Glaubst du an die Funktion von Medien als vierte Macht in der Gesellschaft?

Kurt Kuch: Wir können einiges bewegen und auch etwas erreichen. Das steht fest. Aber genauso muss man sagen: Wir haben unseren schlechten Ruf nicht zu Unrecht. Ich unterstelle niemandem, vorsätzlich korrupt zu sein, aber ich wundere mich oft, wie Kollegen das für sich handhaben, wenn sie für Moderationen oder andere Tätigkeiten überproportional bezahlt werden. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber was ist, wenn der Auftraggeber ein Hochegger ist, und wenn der oder einer seiner Kunden in Schwierigkeiten geraten? Zieht der Journalist dann noch voll durch? Oder hat er sich selbst zahnlos gemacht?

„Geld? Du kannst drei mal am Tag essen gehen und du kannst dich einmal am Tag ansaufen – mehr geht auch mit allem Geld der Welt nicht. „

 

Ich vermeide so etwas. Ich habe an meinem eigentlich Job mehr Spass, ich werde gut bezahlt, und ich denke mir immer: Was sollst du mit dem Geld? Du kannst drei Mal täglich essen gehen, Du kannst dich einmal täglich ansaufen – mehr geht auch mit allem Geld der Welt nicht…
Ich muss aber auch sagen, dass ich hier eine Umbruchphase sehe. Es gibt mittlerweile bei vielen Medien Journalisten, die ihre Funktion als Aufdecker sehr ernst nehmen und ihren Job sehr gut machen. Das erzeugt einen Wettbewerb, der gut fürs Geschäft ist und Leben in die Branche bringt.

indiekator.com: Welche Rolle spielen Onlinemedien und Social Media in diesem Wettbewerb für dich?

Kurt Kuch: Social Networks sind für mich sehr wichtig. Ich nutze Twitter, Facebook und Google+ um Vorausmeldungen zu platzieren und zu promoten. Und ich bekomme direkte Rückmeldungen, auf welche Themen die Leute anspringen. Allein seit gestern (18.1., Anm.) habe ich zum Beispiel 150 neue Follower auf Twitter. Auf Facebook spiele ich auch mit ganz selektiven Einblicken in mein Privatleben. Alle Netzwerke zusammen bringen mir nocheinmal mehr Aufmerksamkeit, was umso wichtiger ist, weil die User immer kritischer werden und mehr Fragen stellen, und auch im Magazin mehr und bessere Antworten haben wollen. Aber natürlich ist mir auch klar, dass es hier weniger um meine Person geht, sondern um meine Rolle als Journalist bei einem großen Medium. Das macht mich interessant und öffnet mir viele Türen, aber letztlich bin auch ich nur Mittel zum Zweck, und das kann jederzeit vorbei sein.

indiekator.com: Wo siehst du generell die Schwerpunkte von Onlinemedien und wie zufrieden bist du mit euren eigenen Portalen?

Kurt Kuch: Onlinemedien sind dort am stärksten, wo sie dem User individuellen Nutzen vermitteln. Gut recherchierte Tabellen und Listen waren in „News“ immer schon sehr wichtig – und das ist großartiger Content für digitale Medien, damit bekommen wir regelrechte Clicklawinen. Ich kenne noch kein Patentrezept für Onlinemedien, aber der persönliche Nutzen für User ist etwas ganz wichtiges. Das kann zusätzliche Information sein, das können aber auch technische Basics wir Filter- oder Suchfunktionen bei großen Contentmengen sein.
Wir haben in jedem Ressort im Magazin eigene Online-Beauftragte, die immer darauf achten, dass auch wir Printjournalisten dieses Mehr an Inhalt liefern, das online verarbeitet werden kann. Wobei die Onlineredaktion natürlich selbständig arbeitet und genug Profi-Journalisten für eigene Inhalte hat. Ich erlebe immer wieder, dass Onlineredaktionen noch immer wenig ernst genommen werden – das ist unangebracht und eher ein Zeichen dafür, dass diejenigen, die so etwas glauben, wenig Ahnung vom Journalismus heute haben.

indiekator.com: Was bedeutet für dich eigentlich Qualität im Journalismus, wie wichtig ist dir das Schreiben?

Kurt Kuch: Ich bin Aufdeckungsjournalist bei „News“ und nicht Feuilletonist bei der „Zeit“. Qualitätsmesser sind für mich vor allem messbare Erfolge: Wie viele Vorausmeldungen kann ich für meine Geschichten machen, wie oft werden die übernommen, wie schnell verbreiten sie sich auch in anderen Medien?

„Auf Enthüllungen reagieren wir in Österreich mit geleber Themenverfehlung. Gefragt wird nicht: „Was sind die Konsequenzen?“ sondern: „Wie konnte das bloß an die Öffentlichkeit kommen?“…“

 

Auf der anderen Seite ist Verständlichkeit sehr wichtig. Sachverhalte wie zum Beispiel die Eigenmittelfeindlichkeit von kreditfinanzierten Aktien zu erklären – ein beliebtes Spiel in der Hypo Alpe Adria – ist schon eine Herausforderung. Umso mehr natürlich, wenn der Text auch noch rechtlich einwandfrei und klagssicher sein muss. Ich schreibe sehr schnell: Für eine fünf- oder siebenseitige Aufmachergeschichte brauche ich selten mehr als zwei Stunden. Viel mehr Zeit geht dann für zusätzliche Informationselemente drauf – hier ein kurzer Interview-Kasten, dort eine kurze Chronik. Zur Qualität gehört es auch, die Perspektive des Lesers nicht aus den Augen zu verlieren: Ich kann nicht erwarten, dass heute noch jemand weiss, was Grassers KMU-Roadshow im Jahr 2002 war.

indiekator.com: Hast du Pläne für die Zukunft oder für ein Leben „danach“?

Kurt Kuch: Nein. Ich könnte auf die dunkle Seite der Macht wechseln und Medienberater werden, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Vielleicht kommen weitere Bücher – wobei ich da noch eine etwas familienfreundlichere Schreibstrategie entwickeln muss. Ich wollte mir für „Land der Diebe“ vier Monate Zeit nehmen, habe dreieinhalb Monate lang praktisch nichts gemacht und dann zwei Wochen Urlaub genommen. In diesen vierzehn Tagen habe ich zehn Tage lang wieder nur sehr wenig gemacht, und dann fast das ganze Buch in vier Tagen nonstop durchgeschrieben. Ich glaube, das geht noch besser…
Ansonsten habe ich zuviel Spass in meinem Job, und wenn ich Abwechslung brauche: Ich habe mit Ewald Tatar die Marke „Kama-Party“ aus einer Konkursmasse gekauft – das bezieht sich auf „Kamakura“, das war in meiner Jugend die mit Abstand beste, eigentlich einzige Disco zwischen Wien und Graz, und Ewald veranstaltet gelegentlich Kama-Events (nächster Event: 23.2. im Wiener U4) – Aber auch das soll nicht in Arbeit ausarten.
Ich bin seit sechzehn Jahren bei „News“, das war mein erster Job – und ich habe hier noch viel vor.

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