Not a gadget - aber was dann?

„You are not a gagdet“ ist nicht nur der Titel von Jaron Laniers aktuellem (ersten) Buch, es bringt auch dessen Essenz gut auf den Punkt: Lanier gibt sich nicht mit Kulturkritik zufrieden, ihm geht es um das ganze. Er stellt gleich die Frage: Was ist eine Person? Wie wird das, was eine Person ausmacht, durch aktuelle Entwicklungen in Onlinemedien beeinflusst?
Jaron Lanier ist nicht irgendein Kulturnostalgiker: Der Super-Geek, Erfinder des Begriffs „Virtual Reality“ und Web-Visionaer steht ueber dem Verdacht, nichts von Onlinemedien zu verstehen und Althergebrachtem nachzutrauern.
Dennoch plagt ihn angesichts von Social Networks, Web 2.0 und Wikipedia ein deutliches Unbehagen, das auf den ersten Blick an papierene Schirrmachers oder Thurnhers erinnert: Der Verlust der individuellen Autorenstimme, die Zerstoerung der oekonomischen Grundlagen von Kultur und der Mangel an Innovation sind die wesentlichen Punkte, die Lanier der neuen Netzkultur ankreidet.

Technik wird von Menschen benutzt, insofern habe ich immer wieder Probleme mit Darstellungen, die direkte Technikfolgen beschreiben. Ich gehe eher davon aus, dass neue Technologien und Medien- gerade online – wenig neues bringen, aber vieles, das schon da ist, sichtbarer machen. Neues entsteht eher in den Beziehungen, und in so manchen Ueberraschungseffekten, die die neue Sichtbarkeit mit sich bringt. – Und das ist oft weder innovativ, noch nett…

Sind wir auf multiple choice reduziert?

 

Lanier argumentiert, dass die bereitwillige Einordnung in Netzwerke, die Reduktion der Person auf Checkboxen (Name, Interessen, Beziehungsstand,…), tatsaechlich die Person reduziert: Wir benehmen uns so, als waeren wir nicht mehr, tauchen nur in einzelnen Blitzlichtern auf und haben schon lang darauf verzichtet, selbst etwas zu machen. So haesslich die Webseiten der Neunziger waren, so individuell und autorengetrieben waren sie – technisch und inhaltlich.
Die Reduktion und einebnende Gleichmacherei (Lanier verwendet auch gezielt den Begriff Maoismus) fuehrt zu Uberschaetzung der Crowd und zum Ausschluss von Innovation. So gut ud praktisch die Crowd bei Alltagsaufgaben sein mag, sie ist nicht innovativ. Nichteinmal innovative Crowdbewegungen wie Open Source, Free Software oder Wikipedia haetten etwas neues hervorgebracht, sondern nur eigene Varianten des Bestehenden. Stallmans Idee, einen eigenen, freien Unix-Klon zu schreiben, ist fuer Lanier aehnlich konservativ wie Hinterglasmalerei (nach Vorlagen) – das haben wir doch schon, wozu es nochmal machen? Wenig entgegenzusetzen ist auch der Frage, warum fuer jedermann interessante Innovationen wie das iPhone nicht aus der Open Source-Ecke kommen, sondern von den sektiererischen Egomanen von Apple.
Mit dem Aufstieg von Wikipedia ortet Lanier schliesslich sogar einen Knick in der Produktivitaet des Internet: Viele interessante Webseiten zu speziellen Randthemen seien zur Zeit des Aufkommens von Wikipedia zuletzt upgedatet worden – ein Zeichen dafuer, dass das oberflaechliche Instantwissen die produktive Auseinandersetzung mit Themen verdraenge.
Die Vernachlaessigung und schliesslich Missachtung von Kreativitaet und Innovation fuehre dann auch dazu, dass mit beiden Punkten auf kuenstlerischem Gebiet kein Geld mehr zu machen sei.
Erst gegen Ende versucht Lanier ein paar versoehnliche Seiten zu schreiben und entwickelt eine sehr geekige Perspektive zur „Future of Humour“.

Vergleichen verkleinert – uns und unseren Horizont

 

Was machen wir daraus? Die Tendenz unserer aktuellen Onlinemedien, Randthemen zu ignorieren („Auf dem Weg zum Einheitsblog“), Suchmachschinenoptimierung als Ausloeser einer Killerspirale fuer unpopulaere Themen („An den Grenzen des Internet“), merkwuerdige Veraenderungen in der Wahrnehmung von Werten und deren Relevanz („Leben mit Wertenomaden“, „Superinfluencer: Die neuen Experten fuer eh alles und ohne jede Ahnung“), Kritik an Wikinomics („Don Tapscott ist nicht mehr mein Freund“) und die Frage, ob wirklich schon gegessen ist, dass das Web ein Marketinginstrument ist („Respekt und die Onlinemarketingpest“) beschaeftigen mich ja nun schon laenger.
Laniers Analyse verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Vergleichen verkleinert. Je mehr Beziehungen wir herstellen (und das ist eine der Hauptaufgabe der sozialen Medien), desto mehr werten wir, ob wir wollen oder nicht: Wir sehen anderen beim Leben zu und fuehlen und dann besser oder schlechter. Das ist qualitativ nicht neu, quantitativ aber erreichen wir eine neue Dimension.
Wir vergleichen uns mit Mittelmass, und geben uns dann mit Mittelmass zufrieden. Oder damit, besser als Mittelmass zu sein – was ja auch noch nicht viel ist.
In Facebook lebt uns jeder sein Leben vor – In „Gala“, „Bunte“ oder „Interview“ gibt es wenigstens irgendeine Einstiegshuerde, um zur Projektionsflaeche fuer das Publikum zu werden.
Die Qualitaet des Vergleichs allein ist aber noch nicht das Ausschlaggebende: Problematisch ist der Vergleich selbst. Denn nicht nur Vergleichen reduziert zum Mittelmass, konsequent zu Ende gedacht kommen wir auch an den Punkt, an dem auch Wettkampf nur Mittelmass produziert. Besser sein reicht nicht, um innovativ zu sein, noch nie Dagewesenes erreicht man nicht damit, besser als andere zu sein.
Das sind wir aber gewohnt. Und wir haben zuletzt oft gehoert, dass die Cloud oder Crowd inspirierend, korrigierend, smarter ist als wird, und dass wir ihr geben sollen, was sie verlangt.
Das gilt vielleicht fuers Marketing.
Fuer produktive Prozesse halte ich’s eher mit Lanier und schaetze auch wieder ein bisschen Ignoranz (es zaehlt nicht immer nur, was zurueckkommt) und Nabelschau im eigenen Sud. Auch wenn die korrektive Ohrfeige des Kollektivs dann manchmal um so schallender ist – aber das kann ja auch heilsam sein.
Oder, um es direkt mit Lanier zu sagen: Nicht jeder Blogpost muss veroeffentlicht werden – bis er wirklich raus muss. Und es ist kein Fehler, fuer die Produktion eines Videos hundert mal so viel Zeit zu brauchen wie dafuer, es sich anzusehen.

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